Mit Witz durch die Wüste zur Weisheit

REUTLINGEN. »Der kleine Prinz« als Musical? Geht denn das? Wird die Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry damit nicht zu sehr ins Sentimentale gezogen? Tatsächlich geht es recht hübsch, wie die Zuschauer am Montagabend in der zu etwa zwei Dritteln gefüllten Stadthalle erleben konnten. In der Fassung von Deborah Sasson, Musik, und Jochen Sautter, Text und Regie, entfaltete sich in einer sehr lebendigen, mit vielen Tanz-Szenen und Videobildern versehenen Inszenierung viel vom Vorlagen-Charme.

Wenn man mal ehrlich ist, steckt doch schon im Buch viel Sentimentalität. Sie fällt nur nicht auf, weil sie von der melancholischen Stimmung der Wüste überlagert wird. Und von der Eigentümlichkeit der Charaktere, auf die der kleine Prinz auf seiner Reise von seinem Asteroiden auf die Erde trifft. Genau so ist das auch hier: Es steckt viel Gefühl in dem Musical; aber die Inszenierung bringt eben auch viel vom melancholischen Flair der Wüste rüber, und von der Abenteuerlichkeit der Planetenreise.

Möglich wird dies durch mehrere Ebenen transparenter Vorhänge, auf die wechselnde Videobilder geworfen werden. So spielen, singen und tanzen die Akteure oft scheinbar mitten im Video.

Die Musik von Deborah Sasson ist farbig, handwerklich gut komponiert und von der Stilistik her oft in der Nähe von Varieté und Zirkus angesiedelt. Es gibt die üblichen gefühlsseligen Musical-Songs, besonders gern schreibt sie aber sanft dahinschwingende Walzer. Oder Folk-Balladen, die über einem live gespielten Streicherteppich schweben und von Klarinette, Saxofon oder Cello umspielt werden. Dass ein kleines Live-Orchester mit Streichern, Gitarre, E-Bass, Schlagzeug, Klarinette/Saxofon sowie zwei Keyboards die Aufführung begleitet, ist sehr positiv anzumerken.

Liebevoll gezeichnete Charaktere

Auch das Zusammenspiel der Charaktere passt. Benoit Pitre ist als Pilot glaubhaft der Erwachsene, der seine Kinderseele wieder entdeckt, als er in der Wüste bruchlandet und auf den Prinzen triff. Diesen spielt Moritz Bierbaum sehr anrührend als kindlichen Abenteurer, in dem auch ein Weiser steckt. Auch die übrigen Figuren sind mit viel Liebe gezeichnet und ebenfalls auf hohem Niveau gesungen. Besonders eindrucksvoll sind Christina Schulz als selbstverliebte Rose mit glockenklarem Sopran und Johanna Mucha mit intensiver Popstimme als kluger Fuchs. Nicole Ciroth macht aus ihrer Rolle als Schlange eine tolle Artistennummer: Streckenweise singt sie auch mal im Handstand oder kopfunter am Trapez hängend. Das alles wird mit lebendig choreografierten Tanznummern aufgepeppt. Schlange & Co. tanzen dabei mit wiegenden Hüften zu Oriental Pop. Der Eitle (Jonas Wichmann) gebärdet sich zu Tango-Rhythmen wie ein Torero. Der Laternen-Anzünder (Isabel Waltsgott) hetzt zu Slapstick-Ragtime-Musik von einer Laterne zur nächsten. Und der König (Michael Chadim) ruft in einem rasanten Zirkus-Can-Can jeden auf, sein erster Untertan zu werden – was in eine flotte, witzige Ensemble-Nummer mündet. So ist musikalisch wie szenisch für viel Abwechslung gesorgt. Und auch für das melancholische Ende findet die Inszenierung die angemessenen Bilder. Wenn der kleine Prinz ausgerechnet durch den tödlichen Biss der Schlange zu seinem Asteroiden zurückkehren will, so wird das hier nicht zum Happy End umgedichtet. In Nachdenklichkeit klingt die Aufführung aus. Und bekommt vom Publikum verdienten Beifall. (GEA)

VON ARMIN KNAUER 07.01.2016 Reutlinger General Anzeiger

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